Wie spricht man über ein Tabu?

Manchmal muss über etwas gesprochen werden, worüber man nicht spricht. Tabus sind fester Bestandteil jeder Kultur und wo das eine aufgehoben wird entsteht ein neues … Tabus gehören dazu.

Aber was sind Tabus?

In meiner Cambridge Enzyklopädie der Sprache habe ich folgendes darüber gefunden:

Das Wort tabu kommt aus dem Tonga und bedeutet soviel wie heilig oder unberührbar. Dieses Wort eignet sich gut zur Beschreibung eines altbekannten Phänomens: jede Kultur hat ihre Handlungen, Gegenstände, Zusammenhänge oder abstrakte Vorstellungen, die als gegeben angenommen werden, über die aber nicht gesprochen werden darf. Dazu gehört häufig Sexualität, das Übernatürliche, Körperausscheidungen und der Tod.

Die Aufzählung steht wirklich genau so in der Enzyklopädie, aber ich sehe hier die Vermischung von zwei verschiedenen Ursachen: Über Übernatürliches kann oft nicht gesprochen werden, weil es für diese Erfahrungen keine Wörter gibt über Sexualität, Körperausscheidungen und Tod will man dagegen nicht reden. Über ein gefluchtes „Scheiße“ habe ich mal gehört „ich würde nicht mal anfassen, was du in den Mund nimmst.“ Darin zeigt sich ein elementarer Bestandteil dieser Tabus – man möchte mit diesen Dingen nicht in Berührung kommen. Sie sind eklig und da der Mund neben dem Sprechen auch für Nahrungsaufnahme zuständig ist, darf nicht mal das Wort ausgesprochen werden.

Zurück zu den heilig unberührbaren Tabus: Neben der Unaussprechlichkeit bestimmter Erfahrungen gibt es auch Tabus um nichts Übersinnliches zu beschwören. Auch das ist heute noch aktuell – würden Sie in ein Schiff steigen, dass Titanic heißt?

Während wir im allgemeinen Sprachgebrauch zwischen dem Wort und dem Bezeichneten unterscheiden sehen wir bei Tabus eine enge Verbindung. Es ist als würde man den Gegenstand selbst berühren. Das kann man daran sehen, dass bestimmte ähnliche Wörter ganz normal benutzt werden, so ist es kein Problem über Kläranlagen zu sprechen – das Wort löst keinen Ekel aus.

Da viele Tabus unser ganz alltägliches Leben betreffen (Sexualität und Körperausscheidungen) entstehen feste Metaphern, die statt dessen benutzt werden können. Das betrifft aber nur Handlungen und Gegenstände, die kein absolutes Tabu sind und über die notwendigerweise gesprochen werden muss. So gibt es (außer beim Arzt) keine Notwendigkeit über Körperausscheidungen zu sprechen, es muss aber möglich sein davon zu sprechen, dass eine Person gestorben ist. Gerade über den Tod gibt es in vielen Sprachen sehr kreative Metaphern, am besten gefällt mir der französische Ausdruck „n’avoir plus mal aux dents“ – keine Zahnschmerzen mehr haben (habe ich ebenfalls in der Cambridge Enzyklopädie der Sprache gefunden). Das deutsche „er/sie ist nicht mehr unter uns“ ist dagegen ein gutes Beispiel um zu zeigen, wie es möglich ist, etwas zu sagen ohne es zu sagen. Ebenso zu finden bei „ich muss mal“ – eine Auslassung mit der alles gesagt sein soll.

 

Wie kann man darüber sprechen?

Ist Auslassung und Metaphern die einzige Möglichkeit über Tabus zu sprechen? Das wäre schrecklich, denn damit lässt sich nichts näher erläutern. Was also tun, wenn man darüber sprechen will? Wenn etwas unbedingt angesprochen werden soll, was aber als Tabu gilt?

Eine Möglichkeit ist es, das Tabu einfach zu ignorieren. Das führt in der Regel zu einer schockierten Reaktion, aber es führt zu einer Reaktion. Ein Tabubruch ist einprägsam. Es kann auch als mutig gesehen werden, sich über die gesellschaftliche Konvention hinwegzusetzen. Man macht denen Mut, die dieses Tabu abschaffen wollen. Die anderen aber, die an dieses Tabu glauben, werden nicht gewillt sein, dem Tabubrecher zuzuhören. Sie hören und sehen den Bruch und verschließen sich dagegen – es ist die einzige Möglichkeit ihr Tabu zu retten und damit einen Teil ihrer Weltanschauung. Niemand lässt sich diese gerne zerstören. Das Tabu zu ignorieren ist also nur angebracht, wenn man die ansprechen will, die es nicht mehr als Tabu sehen (wollen).

Eine bessere Möglichkeit ist es, das Tabu zu akzeptieren, darauf einzugehen, dass es sich ein Tabu ist und sich langsam zum Thema vortasten. Dazu gehört auch, darauf einzugehen, warum man darüber sprechen will, warum es nicht möglich ist, das Tabu zu waren. So kann man die erreichen, für die dieses Thema ein Tabu ist, die, für die es keins mehr ist und die, es nicht mehr tabuisieren wollen.

Wie das in der Praxis aussieht? Bei meinen Streifzügen durch’s Netz habe ich einen Artikel gefunden in dem das vorbildlich umgesetzt wurde: http://ganzgesundsein.wordpress.com/2011/09/09/iiiihh-daruber-spricht-man-doch-nicht/

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