Unwort des Jahres

Was sind Unwörter?

Jedes Jahr, wenn das Unwort des Jahres gewählt wird, denke ich, dass es keine Unwörter geben kann. Wenn ein Wort verwendet und verstanden wird, wie kann es dann ein Unwort sein?

Aber wenn ich dann höre, welches Wort zum Unwort gewählt wurde, wird mir bewusst was ein Unwort ist.

Es handelt sich um Wörter, die bewusst oder unbewusst Assoziationen wecken, die nicht in der Bedeutung enthalten sind. Es gibt Wörter, die so gewählt werden, dass sie etwas ausdrücken ohne es gesagt zu haben. Im schlimmsten Fall ist es eine Lüge in einem Wort. Nicht durch das was gesagt wird, sondern durch das, was damit nicht gesagt wird.

So auch, beim Unwort des Jahres 2011: Dönermorde

Welcher Döner ist denn da ermordet worden? Es ging ja nicht mal um Döner-Buden-Besitzer oder gilt jeder ausländische Geschäftsmann als Döner-Buden-Besitzer, weil sich manche Menschen nicht vorstellen können, dass auch andere Geschäfte von Nicht-Deutschen betrieben werden?

Oder wie es die Jury ausdrückt:  „Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-
terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden.“

Interessant finde ich aber auch das weitere Unwort, dass die Juri in ihrer Pressemeldung nennt: Gutmensch

Gutmensch ist ein sehr gutes Beispiel für die oben erwähnte Begründung eines Unwortes, als ein Wort mit dem bewusst etwas gesagt wird, ohne es zu sagen. Gutmensch ist ein raffiniertes Schimpfwort mit dem eindeutig jemand oder eine Gruppe von Menschen beleidigt wird. Statt ihre Argumente zu widerlegen, wird die Haltung als Naiv betitelt. Um sich dabei den Schein einer offenen Diskussionskultur zu geben, wird diese Beleidigung so positiv formuliert, dass kaum dagegen vorzugehen ist. Gutmensch ist die Lüge in einem Wort, weil die wortwörtlich gemeinte Beschreibung durch die assoziative Bedeutung erst ihr wahres Gesicht zeigt. Wer eine andere Meinung als Naiv darstellen will, sollte zumindest den Mut haben, das auch so zu benennen oder besser: auf die Argumente eingehen und wenn sich dort gravierende Lücken finden, so kann man diese bennenen und diskuttieren.

Wie auch die Dönermorde, ist Gutmensch kein Wort, dass 2011 erfunden wurde:

„Der Ausdruck [Gutmensch] wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er
aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende verstärkt entfaltet.“

Das selbe (nur mit anderen Zeitangaben) lässt sich auch über Dönermorde sagen. Es geht bei beiden nicht um ein Wort, dass ein Politiker in einer Rede einmal unglücklich zur Bezeichnung von einem neuen Gesetz oder ähnliches verwendet. Es sind Wörter die sich entwickelt haben. Gerade deshalb ist es gut, dass solche Wörter Unwörter geworden sind. Die Jury ist nicht (nur) dafür da, Politikern zu zeigen, wie beleidigend sie an der ein oder anderen Stelle kommunizieren, wie dreist und unglaubwürdig ihre Verschleierungswörter sind etc. Die Wahl der Unwörter in diesem Jahr zeigt, dass wir alle unpassende Wörter verwenden, dass wir alle eine Sensibilität brauchen um nicht zu beleidigen.

Wenn diese beleidigenden Wörter akzeptiert werden, was sagt das über die Werte und Meinungen unserer Gesellschaft aus?

 

Hier der Link zur Seite der Jury: http://www.unwortdesjahres.net/

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